Hassan II und Gaddafi: Die Feindschaft zweier Männer, die den Maghreb prägten

Zwischen Hassan II. und Muammar al-Gaddafi lagen Welten: Monarchie gegen Revolution, Rabat gegen Tripolis, Westbindung gegen radikalen Panarabismus. Ihre Feindschaft prägte Marokko, Libyen und den Westsahara-Konflikt.

Muammar al-Gaddafi und Hassan II als historische Rivalen im Maghreb

Es gibt politische Rivalitäten. Und es gibt Feindschaften, die zu Legenden werden. Die Beziehung zwischen König Hassan II. von Marokko und Libyens Machthaber Muammar al-Gaddafi gehörte zur zweiten Kategorie. Sie war laut, persönlich, ideologisch und gefährlich. Hinter den Anekdoten über Protokollstreit, Spott und verletzte Eitelkeit stand ein harter Machtkampf um den Maghreb.

Auf der einen Seite: Hassan II., Monarch, Stratege, Überlebender zweier Putschversuche, Herrscher eines alten Königreichs mit westlicher Orientierung. Auf der anderen Seite: Gaddafi, Revolutionsführer, Gegner der Monarchien, Anhänger radikaler arabischer Einheitsträume und jahrzehntelang einer der unberechenbarsten Akteure Nordafrikas.

Der erste Bruch: Monarchie gegen Revolution

Gaddafi kam 1969 durch einen Militärputsch gegen König Idris I. in Libyen an die Macht. Schon dieser Ursprung machte ihn zum ideologischen Gegenbild des marokkanischen Königs. Für Gaddafi waren Monarchien rückwärtsgewandt und illegitim. Für Hassan II. war die Monarchie das historische und religiöse Fundament des marokkanischen Staates.

Als Gaddafi kurz nach seinem Putsch bei einem arabischen Gipfel in Rabat auf Hassan II. traf, prallten nicht nur zwei Persönlichkeiten aufeinander, sondern zwei politische Welten. Die marokkanische Hofetikette, die Rolle des Königs und die Symbolik der Alawiden-Monarchie waren für Gaddafi genau das, was er bekämpfen wollte. Hassan II. wiederum sah in Gaddafi keinen gewöhnlichen Staatschef, sondern einen gefährlichen Revolutionär mit Hang zur Einmischung.

Die Putschjahre verschärfen alles

Die frühen 1970er Jahre machten aus Misstrauen offene Feindschaft. Am 10. Juli 1971 wurde Hassan II. im Palast von Skhirat Ziel eines blutigen Putschversuchs. Ein Jahr später, am 16. August 1972, folgte der Angriff auf seine Boeing auf dem Rückflug aus Frankreich. Der König überlebte beide Versuche.

In Rabat war der Verdacht schnell da, dass revolutionäre Kräfte in der Region solche Umstürze politisch begrüßten oder zumindest als Schwächung der Monarchie sahen. Gaddafis Rhetorik gegen Monarchien verstärkte diesen Eindruck. Die marokkanisch-libysche Beziehung wurde damit nicht nur diplomatisch schwierig, sondern existenziell: Für Hassan II. ging es um den Schutz des Thrones.

Westsahara: Der Konflikt, der alles vergiftete

Der wichtigste politische Bruchpunkt war die Westsahara. Marokko organisierte 1975 den Grünen Marsch und beanspruchte das Gebiet als Teil seiner territorialen Einheit. Die Polisario-Front kämpfte dagegen für die Unabhängigkeit der Westsahara. Libyen unterstützte die Polisario zeitweise politisch und militärisch, während Algerien zum wichtigsten regionalen Unterstützer der Bewegung wurde.

Für Marokko war das ein Angriff auf die nationale Einheit. Für Gaddafi passte die Unterstützung der Polisario zu seinem Bild revolutionärer Befreiungsbewegungen. In Rabat wurde Tripolis deshalb als einer der entscheidenden Gegner im Westsahara-Dossier gesehen. Der Konflikt kostete Marokko enorme Ressourcen und prägte seine Außenpolitik über Jahrzehnte.

Warum Gaddafi nicht beim Grünen Marsch dabei war

Um den Grünen Marsch ranken sich viele Erzählungen. In der marokkanischen Erinnerung erscheint Hassan II. als Meister der symbolischen Mobilisierung: Hunderttausende Menschen zogen 1975 Richtung Süden, um den Anspruch Marokkos auf die Sahara sichtbar zu machen.

Gaddafi passte in dieses Bild nicht hinein. Ein libyscher Revolutionsführer, der aus Prinzip keine Grenzen und Protokolle akzeptierte, wäre für Hassan II. ein Risiko gewesen. Die bekannte Anekdote lautet: Hätte Gaddafi an der Grenze weitergehen wollen, hätte Rabat ihn stoppen müssen. Ob jedes Detail dieser Erzählung historisch wörtlich zu nehmen ist, bleibt offen. Politisch ist sie aber treffend: Hassan II. wollte Kontrolle, Gaddafi lebte von Provokation.

Oujda 1984: Plötzlich Verbündete

Umso überraschender war der 13. August 1984. In Oujda unterzeichneten Hassan II. und Gaddafi den Vertrag über eine marokkanisch-libysche Union. Ausgerechnet der Monarch und der Revolutionsführer verkündeten eine gemeinsame Struktur zwischen dem Königreich Marokko und der libyschen Jamahiriya.

Der Schritt wirkte spektakulär, war aber vor allem strategisch. Hassan II. wollte Libyens Unterstützung für die Polisario eindämmen und den regionalen Druck durch Algerien ausbalancieren. Gaddafi suchte nach internationaler Aufwertung und politischem Spielraum. Beide Männer brauchten etwas voneinander, ohne einander zu vertrauen.

Der Vertrag wurde in Marokko Ende August 1984 per Referendum gebilligt und trat Anfang September in Kraft. In Washington löste er Sorge aus, weil Marokko eng mit den USA verbunden war, während Gaddafi international als Problemfall galt. Genau diese Spannung zeigte, wie riskant Hassan II. spielte.

Eine Union ohne Vertrauen

Die marokkanisch-libysche Union blieb kurzlebig. Zu gegensätzlich waren die Systeme, zu tief das Misstrauen, zu verschieden die Allianzen. Marokko blieb prowestlich orientiert, Libyen bewegte sich im revolutionären, antiwestlichen Lager. Was in Oujda wie ein historischer Durchbruch aussah, war eher ein taktischer Waffenstillstand.

Schon bald traten die alten Gegensätze wieder hervor. Gaddafis Verhältnis zu arabischen Monarchien blieb vergiftet. Hassan II. wiederum suchte diplomatische Kanäle, die Gaddafi ablehnte, darunter Kontakte zu Israel im Rahmen marokkanischer Vermittlungsversuche. Persönliche Abneigung und geopolitische Interessen fanden wieder zusammen.

Mehr als Anekdoten

Viele Geschichten über Hassan II. und Gaddafi werden bis heute mit Humor erzählt: verweigerte Protokolle, provokante Gesten, bissige Bemerkungen, übertriebene Titel und politische Theatermomente. Diese Anekdoten machen die Geschichte zugänglich, aber sie dürfen den Kern nicht verdecken.

Der Konflikt zwischen beiden Männern war nicht nur ein Streit zweier Egos. Er war Ausdruck einer größeren Frage: Welche Ordnung sollte der Maghreb haben? Monarchisch oder revolutionär? Westlich angebunden oder antiwestlich? Staatlich kontrolliert oder von Befreiungsbewegungen herausgefordert? Rabat und Tripolis standen in diesen Fragen fast immer auf entgegengesetzten Seiten.

Einordnung

Hassan II. und Gaddafi waren beide autoritäre Herrscher mit enormem politischem Instinkt. Der eine setzte auf Tradition, Diplomatie und strategische Geduld. Der andere auf Revolution, Inszenierung und Störung. Ihre Feindschaft hat den Westsahara-Konflikt verschärft, die Maghreb-Politik geprägt und gezeigt, wie persönlich Außenpolitik in der arabischen Welt des 20. Jahrhunderts oft war.

Am Ende blieb von der Union von Oujda wenig übrig. Geblieben ist aber die Lektion: Im Maghreb wurden große historische Weichen nicht nur durch Grenzen, Armeen und Verträge gestellt, sondern auch durch Charaktere. Hassan II. und Gaddafi waren zwei davon. Sie konnten einander nicht leiden, aber sie konnten einander auch nicht ignorieren.

Quellen und weiterführende Informationen

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